TEN Traditionelle Europäische Naturheilkunde

Im Laufe der Geschichte sind verschiedene Aspekte der Naturheilkunde in die Traditionelle Europäische Naturheilkunde eingeflossen. Ich arbeite vorwiegend mit der Vier-Säfte-Lehre, die ein unverzichtbares Grundelement im Denk- und Arbeitsmodell der TEN ist. Der Begründer der Vier-Säfte-Lehre, auch Humoralmedizin, ist der griechische Arzt Hippokrates von Kos (460-370 v.Chr.). Sie stammt also aus der griechischen Antike.

Die Qualitäten der vier Elemente Luft, Feuer, Wasser und Erde, die wir um uns herum erkennen können, spiegeln sich in unseren 4 Jahreszeiten wieder und wir finden sie auch in uns. In der Humorallehre werden sie die 4 Säfte oder Humores genannt. Die humoralen Qualitäten der 4 Säfte Sanguis, Cholera, Phlegma und Melancholera können mit verschiedenen Anteilen an Feuchtigkeit/Trockenheit und Wärme/Kälte beschrieben werden. Unsere altherkömmliche Bezeichnung der Temperamente - Sanguiniker, Choleriker, Phlegma und Melancholiker - haben ihre Wurzel in dieser Humoralmedizin. Dieses System war unsere europäische Medizin, bis sie vom heutigen zellularpathologischen Denken abgelöst wurde.

Die vier Elemente

Sanguis

Sanguis-Luft-Frühling, Warm und Feucht - SanguinikerIn

Cholera

Cholera-Feuer- Sommer, Warm und Trocken - CholerikerIn

Phlegma

Phlegma-Wasser-Herbst, Kalt und Feucht - PhlegmatikerIn

Melancholera

Melancholera-Erde-Winter, Kalt und Trocken - MelancholikerIn

Jede Person hat  sein/ihr Temperament und seine/ihre eigene Konstitution , die über das obigen “System” erkannt und erklärt werden können. Die konstituelle Augen- oder Irisdiagnose ist eine einzigartig geeignete Methode einen differenzierten Einblick in die konstitutionelle Situation eines Menschen zu bekommen.

Geschichtliches

Traditionelle Europäische Naturheilkunde ist ein mindestens 5000 Jahre altes Medizinsystem und entstand genau wie alle anderen alten Medizinsysteme durch die Beobachtung der Natur. Die ersten Keilschrifttexte mit pflanzlichen Heilmittelanwendungen gehen auf die mesopotamische Kultur (4000-3000 v. Chr.) zurück.

Ein weiterer Grundstein für dieses ganzheitliche Heilungssystem legte Empedokles von Agrigente im 5. Jahrhundert v. Chr. mit dem naturphilosophischen Erklärungsmodell der vier Elemente. Darauf baute Hippokrates von Kos 460-370  v. Chr. die Humoralmedizin, die Viersäftelehre auf. 

Ein anderer Zweig ist die Priestermedizin in Ägypten (2500 v.Chr.), die Heilpflanzenanwendungen und rituelle Reinigungsverfahren kannte. Von dieser und durch Sokrates, Platon und Pythagoras wird die damals griechische Heilkunst stark von Ethik und Philosophie geprägt. Römische Ärzte, die in Griechenland ausgebildet wurden, trugen dieses Wissen in das römische Reich.

100 Jahre v.Chr. schafft Dioskurides Pedanios das erste europäische Arzneimittelverzeichnis: “De materia medica”. Diese bleibt für 1500 Jahre das Standardwerk der Arzneimittellehre.

Der griechische Arzt Galenos von Pergamon wird nach Hippokrates als der bedeutendste Arzt der Antike bezeichnet. Er fasst im 2. Jahrhundert n. Chr. die Humoralmedizin in eine verbindliche Form. Er stellt die Pflege von Körper und Geist, die Eigenverantwortung und Vorbeugung in den Vordergrund! Die Bezeichnung “Galenik” für “Lehre der Arzneimittelformen” ehrt Galenos bis heute.

Nach dem Zerfall des Römischen Reiches wird die Heilkunde vor allem im arabischen Raum durch Syrer, Perser und Araber weiterentwickelt. Im Jahre 1000 n. Chr. verfasst der Arztphilosoph und Universalgelehrter Avicenna sein medizinischen Werkes über Anatomie, innere Medizin, Geburtshilfe, Fieber- und Arzneimittellehre.

Bis ins 12. Jahrhundert wird die Medizin in Europa ebenfalls von Nonnen und Mönchen bewahrt und praktiziert. Dies ist heute als Klostermedizin bekannt. Mit dem Heiltätigkeitsverbot der Kirchenleitung im Jahre 1130 für alle Klöster findet dies aber ein schreckliches Ende. Von nun an wird das Heilwissen mündlich innerhalb Familien und unter Heilkundigen im Geheimen weitergegeben. Die Kundigen der Heilkunst werden mehr und mehr verfolgt. Ein trauriges Kapitel unserer Geschichte.

Ein Zweig der Medizin wird an Universitäten gelehrt, zu denen aber ausschliesslich Männer und keine Frauen den Zutritt hatten.

Im 16. Jahrhundert bringt schliesslich Paracelsus eine grosse Bewegung in die Medizin. Er ist ein grosser Vertreter der Spagyrik, der Signaturenlehre und der Astromedizin. Später werden letztere zwei mit Rudolf Steiner für die Anthroposophische Medizin wichtige Grundlagen.

Mit der Aufklärungsepoche im 18. Jahrhundert verliert die Naturheilkunde an Bedeutung. Denoch wird sie von Einzelnen, die unter der Industrialisierung leiden, wieder stark postuliert.
Ein wichtiger Vertreter der Naturheilkunde ist Christian Wilhelm Hufeland, der als Humoralmediziner für die neuen Medizinallehren wie die Homöopathie, die Akupunktur, u.a. arbeitet. Er sieht den/die NaturärtztIn als DienerIn der Natur. Die Lebenskraft oder heute auch Selbstheilungskraft sind für ihn die Grundlage jeder Heilung. Seine Sichtweisen sind wichtige Grundlagen für die heutige Traditionelle Europäische Naturheilkunde.

Quellenangabe: Grundlagen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde; Raimann, Ganz, Garvelmann, Bertschi-Stahl, Fehr-Streule